

Versorgungsnahe Daten für die Forschung

Potentiale, Herausforderungen und Perspektiven
Im Rahmen des Kongresses „Gesundheit gestalten“, der gemeinsam von DEGAM, DGSMP, DGMS und dem Netzwerk Evidenzbasierte Medizin ausgerichtet wurde, stieß das Symposium „Nutzung versorgungsnaher Daten für Forschung aus der Praxis für die Praxis“ auf großes Interesse. Organisiert und moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Roland Koch (Tübingen) und Dr. Leonor Heinz, Leiterin der Koordinierungsstelle DEGAM-ForNet.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Daten, die im Rahmen der Gesundheitsversorgung routinemäßig erhoben werden, wissenschaftlich nachgenutzt werden können. Denn versorgungsnahe Daten stellen eine wesentliche Grundlage für eine praxisrelevante und patientennahe Forschung dar.
Chancen der Nachnutzung von Routinedaten
Die Nutzung von Daten aus der Versorgung eröffnet vielfältige Möglichkeiten für Forschung und Qualitätsentwicklung. So können Routinedaten dazu beitragen,
- den aktuellen Stand der Versorgung besser zu beschreiben,
- intersektorale Patientenpfade nachzuvollziehen,
- gezielte Interventionsstudien vorzubereiten und effizienter zu planen,
- sowie neue methodische Ansätze der Evidenzgenerierung anzuwenden.
Damit können Forschungsvorhaben stärker an den realen Bedingungen der Versorgung ausgerichtet werden und Ergebnisse entstehen, die unmittelbar für die Versorgungspraxis relevant sind.
Blick nach Großbritannien – Vergleich mit Deutschland
Prof. Dr. Patricia Schartau (Regensburg) stellte mit dem Clinical Practice Research Datalink (CPRD) ein Beispiel aus dem Vereinigten Königreich vor. Dort werden pseudonymisierte Primärversorgungsdaten in großem Umfang für Forschungszwecke genutzt. Durch die Möglichkeit der Datenverknüpfung können komplexe Fragestellungen untersucht werden, während gleichzeitig hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit erfüllt werden.
In Deutschland gestaltet sich die Nachnutzung von Routinedaten bislang schwieriger. Als zentrale Herausforderungen wurden insbesondere die föderalen Datenschutzstrukturen, die Vielfalt proprietärer Praxisverwaltungssysteme sowie mangelnde Interoperabilität benannt. Gleichzeitig wurde im Symposium deutlich, dass bereits zahlreiche Initiativen daran arbeiten, die Voraussetzungen für eine bessere Datennutzung zu schaffen.
Praxisbeispiele aus Forschung und Versorgung
Mehrere Beiträge stellten konkrete Projekte und Lösungsansätze vor:
- Johannes Hauswaldt (Göttingen) berichtete über die Erfahrungen aus den Projekten RADAR und RADARplus. Insbesondere das dort entwickelte Datenschutz- und IT-Sicherheitskonzept zeigt, wie die Nutzung sensibler Versorgungsdaten unter hohen Sicherheitsstandards umgesetzt werden kann.
- Das longitudinale, praxisbasierte Primärversorgungsregister BeoNet-Halle wurde von Konstantin Moser und Felix Lässig präsentiert. Die Datenerhebung erfolgt automatisiert über standardisierte Exportmodule und ist unabhängig vom eingesetzten Praxisverwaltungssystem. Grundlage bildet ein Broad-Consent-Verfahren, das die Nutzung der Daten für Forschungszwecke regelt.
- Christoph Strumann (Leipzig) stellte das Supraregional Health Service Research Network (SHRN) vor. Das Netzwerk verbindet die wissenschaftliche Nutzung von Routinedaten mit einem systematischen Feedback an teilnehmende Praxen und schafft damit einen direkten Mehrwert für die Qualitätssicherung in der Versorgung.
- Einblicke in den Aufbau digitaler Forschungsinfrastrukturen in Baden-Württemberg lieferte Dr. Hannah Haumann in ihrem Beitrag. Auf dieser Grundlage soll ab 2026 ein praxisbasiertes Register zu Adipositas und Prävention entstehen, das neue Möglichkeiten für Forschung und Versorgungsentwicklung eröffnet.
Gemeinsame Aufgabe für die Primärversorgungsforschung
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter Beteiligung des Auditoriums zeigte sich, dass die Nachnutzung versorgungsnaher Daten als eine zentrale und gemeinsame Zukunftsaufgabe verstanden wird. Zugleich bestand Einigkeit darüber, dass lokale und regionale Lösungen eine wichtige Grundlage bilden, um tragfähige Modelle im Interesse der Primärversorgungsforschung weiter auszubauen.
Dazu wird es entscheidend sein, bestehende Initiativen stärker zu vernetzen, Interoperabilität auszubauen und nachhaltige Forschungsinfrastrukturen zu schaffen. Nur so kann das Potenzial versorgungsnaher Daten künftig noch besser genutzt werden, um evidenzbasierte Erkenntnisse zu gewinnen und die Versorgung von Patientinnen und Patienten langfristig zu verbessern.
(05. Oktober 2026)